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Betriebliche Altersvorsorge – ein Blick in die Zukunft

Joe Wicks, Co-Head of Pensions Solutions at Commerzbank

Joe Wicks, Co-Head of Pensions Solutions, Commerzbank und Jonathan Tyce, Tyce, Bloomberg Senior Banks Analyst, EMEA, LATAM & Asia, besprechen die Betriebsrente

  • Europa hat ein Pensionsproblem – und Unternehmen sind akut davon betroffen.
  • Die Versorgungsverpflichtungen an ehemalige und aktuelle Mitarbeiter sind seit der globalen Finanzkrise dramatisch gestiegen.
  • Das fallende Zinsniveau hat Pensionsverpflichtungen in die Höhe getrieben und Erträge gesenkt, während die Lebenserwartung steigt und Pensionsansprüche länger bestehen.
  • Die Mischung aus quantitativer Lockerung, gedämpfter Inflation und einem langsameren Wirtschaftswachstum stellt für Unternehmen eine erhebliche und anhaltende Belastung dar.

Pensionen werden zur Chefsache im Unternehmen

„Dies sind außergewöhnliche Zeiten“, räumt Joe Wicks, Co-Leiter von Pensions Solutions bei der Commerzbank, ein. „Das Zinsniveau in Großbritannien befindet sich auf dem niedrigsten Stand seit 300 Jahren.“

„Für Unternehmen in ganz Europa spielt die Altersvorsorge eine zunehmend wichtigere Rolle. Ob in London, Paris oder Frankfurt, es gibt ein beherrschendes Thema: Die Kosten der Pensionsverpflichtungen sind in den letzten Jahren erheblich gestiegen. Die Situation bereitet den Verantwortlichen schlaflose Nächte.“

Wicks nennt drei strategische Möglichkeiten, die mittelständische und große Unternehmen zunehmend ins Auge fassen, um ihre Risiken zu begrenzen.

Die erste Option für Unternehmen mit rückgedeckten Versorgungsplänen ist eine Änderung der Vermögensstruktur, typischerweise durch eine Umschichtung zu Assetklassen mit höherer Rendite – zum Beispiel von Anleihen zu Aktien.

Dieser Trend hat zu einem stetigen Wachstum alternativer Anlageformen geführt: beispielsweise bei Rohstoffen und Private Equity, wo Anleger eine Illiquiditätsprämie erhalten können. Wicks weist jedoch darauf hin, dass „eine Verlagerung auf Vermögenswerte mit höherer Rendite auch unweigerlich mit höheren Risiken einhergeht.“

Eine andere Strategie könnte in der Erhöhung der Beiträge zu den Pensionsplänen liegen – ein relativ unkomplizierter Schritt für Unternehmen, die überschüssige Liquidität haben. Alle anderen müssten sich die erforderlichen Mittel an den Kapitalmärkten beschaffen.

„Vor kurzem haben wir einen Kunden in Deutschland bei einer Anleiheemission zur Aufnahme von € 1 Mrd. begleitet. Die Erlöse hieraus wurden zur langfristigen Finanzierung der deutschen Pensionsverpflichtungen sowie für andere allgemeine Unternehmenszwecke verwendet“, so Wicks.

Es sind nicht nur die größten Unternehmen in Deutschland, die sich für die Schaffung von Planvermögen entscheiden. Immer mehr mittelständische Unternehmen finanzieren ihre künftigen Pensionsverpflichtungen zum ersten Mal. „Unser unternehmensübergreifender Gruppentreuhänder CommerzTrust ist hierbei führend im deutschen Pensionsmarkt“, erklärt Wicks.

„CommerzTrust feierte kürzlich 10-jähriges Jubiläum. Mehr als 100 Unternehmen unterschiedlicher Größen und Branchen nutzen den Service des Gruppentreuhänders zur Finanzierung künftiger Pensionsverpflichtungen.“

Die dritte Option ist eine Restrukturierung der Pensionspläne. Hierbei kommt hauptsächlich eine Verlagerung von leistungsorientierten Pensionsplänen („Defined Benefit“ – DB) hin zu beitragsorientierten Pensionsplänen („Defined Contribution“, DC) in Frage. Bei leistungsorientierten Pensionsplänen verpflichten sich Unternehmen gegenüber Mitarbeitern zu einer bestimmten Leistung an künftiger Altersvorsorge, während bei beitragsorientierten Pensionsplänen keine Zusicherungen gemacht werden. Bei dieser Verlagerung werden das Anlage- und das Langlebigkeitsrisiko vom Unternehmen auf den Mitarbeiter übertragen.

„Hierbei gilt es zu beachten, dass eine Umstrukturierung auf DC nicht in allen Märkten möglich ist. In Deutschland sieht beispielsweise das Betriebsrentengesetz vor, den Mitarbeitern eine Altersvorsorge mit Kapitalgarantie anzubieten. Die Unternehmen brauchen daher erfahrene Berater mit lokalen Fachkenntnissen“, sagt Wicks.

Alle drei Optionen verfolgen dasselbe Ziel: Pensionen nachhaltiger zu gestalten. Dies ist wichtig, da Pensionen bezahlt werden müssen: sie basieren auf rechtlich bindenden Vereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Eine Betrachtung der Pensionen als Kapitalströme ist daher elementar, da sie, wenn sie nicht ordnungsgemäß verwaltet werden, zu unerwartet hohen Kosten und zu einem reduzierten Shareholder Value führen können.

Strengerer aufsichtsrechtlicher Fokus

Angesichts des zunehmend unsicheren makroökonomischen Umfelds dürfte das Thema Altersvorsorge auch im Jahr 2017 ganz oben auf der Agenda der Unternehmen stehen. Laut Wicks dürften sich internationale Aktienanleger, Ratingagenturen und Kreditgeber mit Blick auf unkontrollierte Pensionsverpflichtungen zunehmend besorgt und offen kritisch zeigen.

In Großbritannien lehnte die Aufsichtsbehörde für Pensionen jüngst ein Angebot von Sir Philip Green ab, mit dem der ehemalige Eigentümer der Warenhauskette BHS das Defizit des betrieblichen Altersvorsorgesystems gegen Zahlung von GBP 250 Mio. senken wollte. Dies deutet auf eine Verschärfung des aufsichtsrechtlichen Ansatzes hin. Angesichts begrenzter Kapazität könnte der staatliche britische Rentensicherungsfonds einspringen, sollte keine Vereinbarung erzielt werden.

Jonathan Tyce, leitender Bankenanalyst bei Bloomberg, weist darauf hin, dass es in Großbritannien zahlreiche Unternehmen mit großen Altlasten und Defiziten gibt, die bislang noch nicht adressiert worden sind. Er ist davon überzeugt, dass die negative Publicity rund um Green und BHS die Regierung nun wachgerüttelt hat. Er geht davon aus, dass Konzernvorstände und Treuhänder künftig deutlich strenger überprüfen werden wie Unternehmen Cashflow einsetzen und Defizite in Angriff nehmen.

„Aktuell sprechen sie [die britische Regierung] sogar von einer Pfändung von Greens Jacht; ein extremes Beispiel - aber es zeigt, wie weit es gekommen ist“, sagt Tyce.

Die Bewertung der finanziellen Situation eines Unternehmens bleibt ein komplexes Unterfangen, und nicht alle Unternehmen mit hohen Pensionsdefiziten haben die gleichen Probleme.

Während der Kunststoffkomponentenhersteller Carlco eines der bekanntesten Unternehmen ist, das die Streichung seiner Dividende angekündigt hat, kämpfen verschiedene Branchen – darunter die Versorger EDF, Endesa und Enel – weiterhin mit suboptimalen Finanzierungsquoten ihrer betrieblichen Altersvorsorgesysteme. „Währung, Inflation und Renditeunterschiede in verschiedenen Ländern machen einen einheitlichen Ansatz für multinationale Unternehmen unmöglich“, stellt Tyce fest.

Ein ganzheitlicher Ansatz

Die Auswirkungen von Wechselkursschwankungen haben im Euroraum für Unsicherheit gesorgt. Britische Unternehmen mit offenen Pensionsverpflichtungen in Europa oder den USA sahen sich nach dem Rückgang der Wechselkurse (auf Sterling Basis) aufgrund des Brexit-Votums einem steigenden Wert dieser Verpflichtungen ausgesetzt. Unternehmen, die ihre Pensionsverpflichtungen aktiv verwalten, sollten ihre Verbindlichkeiten daher als Ganzes betrachten.

Vorbereitung auf alle Eventualitäten

Nach der Abschwächung des Pfunds im Zusammenhang mit dem Brexit wird im Jahr 2017 ein Anstieg der Inflation erwartet. Vielen der größten britischen Unternehmen, die Deckungslücken bei ihren Altersvorsorgesystemen haben, könnte dies Trost spenden. Da die Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU vermutlich auf Jahre nicht geklärt werden können, dürfte die Lage unsicher bleiben.

Bloombergs Tyce – ein erfahrener Investmentprofi – merkt an, dass das anhaltende Nullzinsumfeld mit negativen Einlagezinssätzen und einer geringen oder gar negativen Inflation alle Beteiligten überrascht hat. Die Folgen der vergangenen Jahre dürften die Haltung der Unternehmen im Hinblick auf betriebliche Altersvorsorge aus seiner Sicht fundamental verändern. „Wenn die Zinsen so schnell fallen und so niedrig bleiben wie es bislang der Fall war, lassen sich erhebliche Probleme nicht mehr wegdiskutieren“, so Tyce. „Ganz sicher werden die Unternehmensleitungen aller großen Unternehmen nie wieder in eine solche Situation kommen wollen.“

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